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Wir fahren blau, nicht schwarz: Der Unterschied zwischen fahrscheinlos und kostenlos

Am 12. Januar hat die Piratenpartei Niedersachsen mit einer Aktion in Hannover auf die Chancen eines fahrscheinlosen öffentlichen Personennahverkehrs aufmerksam gemacht [1]. Die Aktion war mit den hannoverschen Verkehrsbetrieben Üstra abgesprochen. Mehr als 50 Piraten sind an diesem Tag mit blauen Warnwesten ausgestattet in den Bus- und Bahnlinien der Stadt mitgefahren. Mit Flyern und im persönlichen Gespräch wurden die Passagiere über alternative Finanzierungskonzepte des öffentlichen Personennahverkehrs informiert. Unterstützt wurden die niedersächsischen Piraten durch Mitglieder verschiedener Landtagsfraktionen der Piraten und den Bundesvorstand.

photo_blauDabei sind die Piraten nicht schwarz gefahren. Die Teams waren mit Gruppentickets in den Bahnen unterweg, allerdings hatte nicht jeder Aktionsteilnehmer ein eigenes Ticket, sie waren deshalb „fahrscheinlos“. Es ging der Piratenpartei darum, die Chancen des fahrscheinlosen Nahverkehrs vorzustellen und eine Diskussion darüber anzustoßen, ob das derzeitige Finanzierungsmodell zukunftsfähig ist. Die Piraten stießen auf großes Interesse bei den Fahrgästen, die gerne die Flyer annahmen und interessiert nach Hintergründen und Möglichkeiten fragten.

Fahrscheinloser Nahverkehr ist ein umlagefinanziertes Nahverkehrskonzept bei dem die Kosten vollständig und nicht wie derzeit teilweise aus Steuermitteln getragen werden [2].

In einigen Städten Europas, beispielsweise im estnischen Tallinn, sind ähnliche Konzepte bereits ganz konkret umgesetzt worden [3]. Derzeit wird der öffentliche Personennahverkehr in Deutschland massiv durch Steuergelder subventioniert, zwischen 50 und 70 Prozent der Kosten werden mit Steuergeldern bestritten. Der Preis der Fahrkarten beinhaltet jedoch neben den Betriebskosten zahlreiche zusätzliche Kosten die aus dem Fahrscheinverkauf und Fahrscheinkontrolle sowie aus der damit zusammenhängenden Verwaltung und Werbeausgaben resultieren. Bei einem fahrscheinlosen Mobilitätskonzept, bei dem der Verkehr ausschliesslich durch die öffentliche Hand finanziert wird, würden diese Kosten eingespart werden, die derzeit auf die Verbraucher umgelegt werden.

Ein solches Konzept bietet Chancen in vielerlei Hinsicht:

Für den Tourismus ist fahrscheinloser Nahverkehr ein eindeutiger Gewinn. Regionen können damit werben, dass Gäste sich hier innerhalb des öffentlichen Verkehrsnetzes frei bewegen können ohne umständlichen Fahrscheinkauf, der vor allem für internationale Gäste mit Umständen verbunden ist.

Soziale Teilhabe hängt nicht zuletzt davon ab, wer Zugang zu öffentlicher Infrastruktur hat. Insbesondere für Geringverdiener fallen die Kosten für Mobilität ins Gewicht und führen dazu, dass viele kulturelle Angebote nicht in dem Maße genutzt werden, wie sie ohne diese Mehrkosten genutzt werden würden. Die Reichweite mit städtischen Mitteln finanzierter Angebote wie z.B. Theater, Museen, Jugendzentren, Bildungs- und Sportangeboten nimmt daher zu, mehr Menschen können es sich leisten diese Angebote zu nutzen.

Im Anschluss an die Aktion der Piratenpartei Niedersachsen fand eine Pressekonferenz statt, die auf große Medienresonanz stieß. In einem fahrenden Bus erklärten Kandidaten der Piratenpartei Niedersachsen, Mitglieder des Bundesvorstands und die verkehrspolitischen Sprecher der Piratenpartei die Eckpunkte dieses neuen Mobilitätskonzepts. Journalisten und Piraten fuhren fahrscheinlos Richtung Landtag. Zum Abschluss probten die Piraten den Einzug in den niedersächsischen Landtag, der auf Anhieb gelang. Danach ging es fahrscheinlos zu der öffentlichen Sitzung des Bundesvorstands der Piratenpartei in Hannover.

Quellen:
[1] http://www.piraten-nds.de/2013/01/07/einladung-zur-pressekonferenz-aktionstag-fahrscheinloser-nahverkehr/
[2] http://www.piraten-nds.de/2013/01/12/12-januar-alles-fuer-umme/
[3] http://www.taz.de/!108147/