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15. Januar: Entwicklung des Strompreises – neue Kernkraftwerke unwirtschaftlich

Der europäische Strommarkt leidet unter einer Überkapazität von etwa 15%. Dies trägt zusammen mit dem steigenden Anteil der erneuebaren Energien zu extrem niedrigen Strompreisen an der Strombörse bei. Lag der Börsenpreis vor Fukushima noch bei etwa 5,5 ct/kWh, so liegt er heute bei 4,2 ct/kWh, also etwa 25% niedriger als vor einem Jahr.

Gleichzeitig erweisen sich Neubauten von Kernkraftwerken als deutlich teurer als geplant. Auch die Bauzeiten liegen deutlich über den Planungsdaten. Der Reaktorneubau im finnischen Olkiluoto wird knapp 7 Mrd. Euro kosten, anstatt der veranschlagten 3 Mrd. Euro. Baubeginn war 2005, die Fertigstellung sollte eigentlich 2009 erfolgen. Derzeit hofft man auf eine Inbetriebnahme im Jahr 2014. Allein der Ausfall der Kapitalrendite ist gewaltig und liegt sehr deutlich im Milliarden-Bereich.

Der EPR in Olkiluoto im Jahre 2009, dem Jahr der geplanten Inbetriebnahme

Diese Entwicklungen führen dazu, dass sich Neubauten von Kernkraftwerken nicht wirtschaftlich darstellen lassen und immer mehr Projekte eingestellt werden. Der Rechnungshof von Frankreich hat jetzt untersucht, welche Stromkosten durch die Kernkraftwerke in Frankreich entstehen und welche Kosten entstehen, wenn alte Kernkraftwerke durch neue ersetzt würden.
Das Ergebnis ist ernüchternd. Der kostendeckende Preis für den französischen Atomstrom beträgt derzeit 4,9 ct/kWh. Tatsächlich abgerechnet werden jedoch nur 3,1 ct/kWh. Das ergibt einen Fehlbetrag von 42 %. Die Betreiber der Kernkraftwerke stehen unter Druck.
Der französische Rechnungshof errechnete weiter, dass bei neuen Kernkraftwerken, wie dem neuen Europäischen Druckwasserreaktor (EPR) die Kilowattstunde voraussichtlich 7 ct/kWh bis 9 ct/kWh kosten wird. Konventionelle Kraftwerke produzieren den Strom billiger, ebenso die Windkraft und selbst Solarstrom wird in wenigen Jahren günstiger sein, so der Rechnungshof.

ATOMKRAFT UNATTRAKTIV
GENERATIVE ENERGIEQUELLEN GÜNSTIGER

Diese Preisentwicklungen sind nicht auf Deutschland beschränkt und haben unterschiedlichste Auswirkungen. Eine davon ist, dass die Betreiber und Betreiberländer von Kernkraftwerken darum bemüht sind, Kraftwerke nun bis zu 60 Jahre zu betreiben, obwohl diese in der Regel ursprünglich nur eine Betriebsgenehmigung für 20 Jahre erhalten haben. Fukushima I war 40 Jahre alt, die Laufzeit gerade eben verlängert worden, als es zur Katastrophe kam.
Eine andere Auswirkung ist, dass selbst Frankreich ein Programm aufgelegt hat, um mehrere Gigawatt Offshore-Windparks zu errichten. Frankreich sucht und prüft Alternativen zur Kernenergie.
Auch in anderen Ländern kommen Kernkraft-Projekte ins Stocken. In Großbritannien ziehen RWE und E.ON ihr Engagement zurück, E.ON will ebenso prüfen, ob der Konzern in eine vereinbarte Projektbeteiligung in Finnland noch investiert. Bulgarien stoppt den Neubau von 2 Blöcken aus Kostengründen und weiß nicht wohin mit dem bereits fertiggestellten Kernreaktor. Offenbar möchte ihn keiner haben. In Tschechien will der Wirtschaftsminister den Neubau von zwei weiteren Reaktorblöcken in Tremelin garantieren, nachdem Wirtschaftsexperten die Finanzierbarkeit angezweifelt haben und es an Investoren fehlt. Auch in den USA gibt es AKW-Neubauten nicht ohne staatliche Garantien oder Preiserhöhungen.
Ohne staatliche Unterstützung und staatliche Bürgschaften scheint es keine neuen Kernkraftwerke zu geben.

SIND NEUE AKW-KONZEPTE WIRTSCHAFTLICHER?

Kernkraftbefürworter setzten große Stücke auf neue Reaktorkonzepte, z.B. auf Kernenergie aus Flüssigsalz-Thorium-Reaktoren (LFTR). Vorteile seien das Sicherheitskonzept, sowie Kosteneffizienz. Beide Punkte darf man bezweifeln.
Die Kosten des Stroms aus LFTR-Reaktoren werden aktuell auf 8,2 ct/kWh geschätzt. Das liegt im Rahmen der Kostenschätzung des französischen Rechnungshofs für Neubauten konventioneller Kernkraftwerke. Damit liegen die Kosten des LFTR ebenfalls im wirtschaftlich fragwürdigen Bereich.
In Punkto Sicherheit hatte man auch bei Leichtwasserreaktoren eine systemimmanente Sicherheit versprochen. Durch den negativen Dampfblasenkoeffizienten soll es bei Überhitzung zu Dampfblasen und damit zum Erliegen der Kettenreaktion kommen. Allerdings fehlt es dann auch an ausreichender Kühlung und es kommt zur Kernschmelze (TMI 1979, Fukushima 2011, u.a.). Zudem hat die Praxis gezeigt, dass ein Reaktor schneller überkritisch werden kann, als das Wasser Dampfblasen bildet und es damit zur Kernexplosion kommen kann (SL-1 1961).
Die Marktreife des LFTR soll in etwa 20 Jahren erreicht sein. Betrachtet man Freigabeprozesse (AP1000, konventioneller Reaktor: ~6 Jahre), Planungszeiten und Ausschreibung (~2 Jahre) sowie die Bauzeiten (7 +/- 2 Jahre), so werden neue Konzepte noch sehr lange nicht ans Netz gehen.
PREISE FÜR VERBRAUCHER

Die Preissteigerungen im Strommarkt für die Endkunden lassen sich durch den deutlich gesunkenen Börsenpreis nicht erklären. Auch die erneuerbaren Energien können kaum zur Erklärung herangezogen werden. Im Jahr 2010 hat die EEG-Umlage den Strompreis zwar mit 0,7 ct/kWh zusätzlich belastet, gleichzeitig hat das günstige Stromangebot der erneuerbaren Energien aber auch zu einer Senkung des Strompreises um 0,5 ct /kWh geführt.
Da Unternehmen mit einem sehr hohen Stromverbrauch bei der EEG-Umlage befreit werden, profitieren diese vom Ausbau der erneuerbaren Energieträger besonders. Dies geschieht zu Lasten der Privathaushalte und nicht energieintensiver Unternehmen. Dennoch wird gerade die energieintensive Industrie nicht müde, sich über die Energiekosten zu beklagen.

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