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Gastbeitrag von Rolf Tischer "Ein Migrant in Niedersachsen"

Ein Migrant in Niedersachsen

Die aktuelle negative Diskussion zur Ausländerfeindlichkeit hat mich zu den nachfolgenden Zeilen inspiriert:

22 Jahre ist es jetzt her, dass ich nach Niedersachsen emigrierte. Ein fremdes Land, andere Sitten, auch die Sprache ist teilweise nur schwer verständlich.

Ich fing an zu arbeiten, im Straßenbau. Kopfsteinpflaster verlegen, war meine erste Arbeit. Früh morgens zur Arbeit, abends kaputt und müde wieder nach Hause. Kurz Duschen und ab ins Bett. Ein Freund und seine Frau waren in den ersten Wochen meine einzigen Kontakte außerhalb der Arbeit.

Ich hatte Heimweh und versuchte es zu bekämpfen, einmal sah ich bei der Fahrt von der Arbeit nach Hause am Horizont die heimatlichen Berge. Es waren nur die Wolken die meinen Augen einen Streich gespielt hatten. Ich dachte abends oft an meinen Sohn, der zu Hause bei seiner Mutter war. Leider wurde mir von ihr der Kontakt so schwer gemacht, so dass er irgendwann ganz abriss.
Überall wo ich hin kam und etwas sagte, wurde auch sofort klar, dass ich kein Einheimischer war. Aber sehr oft hörte ich die Frage, was mich denn nach Niedersachsen getrieben hätte. Die Antwort, dass ich hier Arbeit gefunden hatte genügte den meisten und ich wurde meistens freundlich in der Runde aufgenommen. Aber man konnte schon sehen, dass so manche schrägen Blicke getauscht wurden. Gesprächsthemen wurden gewechselt, wenn man dazu kam und oft kam auch die Frage, ob ich hier bleiben will oder wieder zurück gehe.

Mein erster Vermieter war freundlich, vor allem am Monatsanfang, wenn ich die Miete brachte. Wenn ich nicht zu Hause war, konnte ich danach oft feststellen, dass er mein Zimmer kontrollierte und später auch meine wenigen Alkoholbestände wegsoff.

Nach einigen Jahren lernte ich meine jetzige Frau kennen und wir fanden ein kleines Haus in einem Dorf in der Nähe unserer kleinen Stadt. Nach dem Umzug versuchten wir an Dorfveranstaltungen teil zu nehmen und durften da die wirkliche Gastfreundschaft der Einheimischen kennen lernen. Bei einer Veranstaltung saßen wir alleine am Tisch und konnten bei den Gesprächen vom Nebentisch erfahren, dass bei der stattfindenden Verlosung der erste Preis ein halbes Schwein war. Die andere Hälfte wurde unter den nächsten Preisen aufgeteilt. Meine Frau freute sich schon, denn offensichtlich war unser Los der erste Preis. Bei der Preisausgabe wurde uns eine Laubsägearbeit überreicht, die ein Schwein darstellte. Die ältere Dame gratulierte zum ersten Preis, der ja immerhin echte Handarbeit sei.

Im letzten Jahr in dem wir in diesem Dorf wohnten, wurden wir dann aber erstaunlicherweise zum Königsball der Schützen eingeladen. Im Nachhinein wurde klar, dass der Bürgermeister dafür gesorgt hatte, immerhin waren wir die einzigen im Dorf die Gewerbesteuer zahlten.

Danach haben wir ein Haus gebaut, in einem Neubaugebiet mit vielen russisch-stämmigen Familien. In Gesprächen mit Bekannten musste ich immer wieder hören, dass denen ja alles finanziert wird, die können sich auf unsere Kosten alles leisten. Die armen Deutschen bekommen keinen Kredit. Ich habe in vielen Gesprächen versucht, den Unterschied verständlich zu machen. Bei fast allen dieser Familien finanzierten mindestens zwei Generationen den Hausbau, bei vielen Arbeiten wird von den Nachbarn geholfen. Das würde den meisten Deutschen nicht einfallen. Mit den Schwiegereltern zusammen ein Haus bauen und dort auch zusammen leben. Aber ob ein oder zwei Hauptverdiener zusammen ein Haus finanzieren, da ist es für die Banken leicht, das Risiko abzuschätzen.

Die Vorurteile stimmen in den meisten Fällen nicht. Ich durfte viele so genannte „Ausländer“ kennenlernen, die wenn sie etwas zugesagt hatten, es auch eingehalten haben. Das war bei den Deutschen nicht immer so, da wurde die Meinung schnell einmal geändert.

Nun lebe ich seit mehr als 22 Jahren in dieser Region, engagiere mich in Vereinen und in der Kommunalpolitik. Trotzdem hört man immer wieder die Frage, wo man denn herkomme. Immer war und bin ich der Exot mit dem seltsamen Dialekt in der Sprache. Ich stehe dazu, aber ich kann es nachfühlen, wie sich ein Fremder fühlt, der hierher kommt, weil er hofft, hier für eine gewisse Zeit oder auch für länger ein lebenswertes Leben führen zu können. Ich fühle mich mittlerweile hier wirklich zu Hause und bin gerne in Niedersachsen. Heimweh nach Franken habe ich wirklich nur noch selten.

Bei den aktuellen Diskussionen um AFD und Pegida erschreckt es mich, dass gegenüber Fremden so viel Hass entgegengebracht wird. Ganz ehrlich, ich schäme mich ein bisschen, dass ich mit diesen Menschen zusammen genannt werde. In der Außenwirkung heißt es dann wieder, die fremdenfeindlichen Deutschen….
Denen, die rufen: „wir sind das Volk“ will ich sagen, ich schäme mich für Euch, die Ihr aus der Geschichte dieses Landes nichts gelernt habt und ich hoffe, dass die vernünftigen Menschen in der Überhand bleiben.

Ach ja, ich weigere mich, ernsthaft mit diesen Menschen zu diskutieren, denn hier gilt eindeutig, lass dich nicht auf Gespräche ein, diese Menschen ziehen dich auf ihr Niveau herunter und dort kannst du sie nicht überzeugen.