Milch reist nicht gern

„SPD und CDU streben im Laufe der kommenden Dekade an, dass Niedersachsen nicht mehr nur quantitativ, sondern auch qualitativ Agrarland Nr. 1 in Deutschland wird“, so die Verlautbarung in den Koalitionsvereinbarung der niedersächsischen Landesregierung.
 
Was Quantität für den Milchmarkt bedeutet, davon können die niedersächsischen Milchbauern ein Lied singen. Und nicht nur sie, sondern auch ihre Berufskollegen in Burkina Faso. Eine Ausstellung, die Annette Berndt, (Themenbeauftragte für Landwirtschaft der Piratenpartei Deutschland), zusammen mit Ottmar Ilchmann (Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Niedersachsen) und Peter Habbena (Beirat im Bundesverband Deutscher Milchviehhalter) nach Norden geholt hat, beleuchtet die Zusammenhänge.
 
„Milch reist nicht gerne, Milchbauern schon“
 
So der Titel der Reise-Reportage, die noch bis zum 15.12. als Ausstellung in der KreisVolksHochSchule in Norden, Ostfriesland, zu sehen ist. Christoph Lutze und Johannes Pfaller, zwei Milchbauern aus Deutschland, hatten sich einer Reisegruppe nach Burkina Faso angeschlossen. Zusammen mit Vertretern von Misereor, German watch und EMB (European Milk Board) folgten sie dem Weg der europäischen Milch und erkundeten die Situation auf den Märkten, in den Städten und Dörfern und besuchten die Minimolkereien dieses Landes südlich der Sahara .
 
Was sie dort sahen, fasst Annette Berndt wie folgt zusammen: „Milchviehhaltung ist bei den Peul, einem Nomadenvolk, Frauensache, während die Männer mit den Herden umherziehen. In kleinen genossenschaftlich organisierten Molkereien wird die Milch pasteurisiert oder zu Joghurt verarbeitet und verkauft. So erzielen die Frauen ein kleines Einkommen und haben eine Perspektive. Wäre da nicht die Konkurrenz aus Europa. Überall auf den Märkten ist das mit Pflanzenfett angereichertes Magermilchpulver zu finden, das viel billiger ist als die Frischmilch. Der Milchüberschuss, der in Europa zum Preiseinbruch bei Milch geführt hat und Milchbauern zwang, aufzugeben, bedroht auch in Burkina Faso den Aufbau von Selbstständigkeit und Selbstversorgung. 
 
Der Schlüssel zur Lösung ist eine Milchmengenregulierung hier in Europa. Doch auch in Burkina Faso können Instrumente gegen Dumping eingesetzt werden. Deutlich wird mit der Überschrift der Tafel 9 „Zuhören, verstehen und zusammenarbeiten“, dass nachhaltige Lösungen in einer globalisierten Welt nur in einem Miteinander zu finden sind.“
 
Die Steigerung der europäische Frischmilchproduktion ist innerhalb Europas kaum abzusetzen. Also verarbeiten die Molkereien diese zu Magermilchpulver für den Export. Eine Grafik der Ausstellung veranschaulicht den EU-Exportzuwachs von 30.000 t im Jahr 2003 auf fast 70.000 t im Jahr 2014.
 
Leider finden sich im Koalitionsvertrag der neuen Landesregierung keinerlei Hinweise darauf, wie Niedersachsen, das schon jetzt als zweitgrößter Milchproduzent Deutschlands nach Bayern zur Ursache für die Probleme in anderen Teilen der Welt beiträgt, zu einem Weg aus diesem Dilemma beitragen möchte.
 
„Der Weg aus Westafrika nach Europa ist zwar weit und gefährlich. Aber kann man es den Menschen dort verdenken, wenn sie ihrer Lebensgrundlagen durch europäische Konzerne beraubt nach Europa kommen, um dort ihr Überleben zu sichern? Sicherlich nicht. Wenn unserer Landesregierung pauschal in ihrem Koalitionsvertrag davon spricht, dass ihr „eine kohärente EU-Entwicklungszusammenarbeit, insbesondere zur Fluchtursachenbekämpfung“ wichtig ist, muss sie bei den niedersächsischen Milchbauern anfangen. Geringere Produktion, ökologische Tierhaltung – das ermöglicht den Michwirten höhere Preise und damit ein Auskommen mit dem Einkommen. Ohne mit der Überproduktion dafür zu sorgen, dass in anderen Teilen der Welt die Lebensgrundlagen vernichtet werden“, so Berndt weiter.
 
Es ist geplant, die offene Diskussion am 15. Dezember fortzusetzen mit Vertretern der Landwirtschaft, der amtierenden Landespolitik sowie des Molkerei- und Bildungswesens. Der genaue Veranstaltungshinweis erfolgt Anfang Dezember.
 
 
Zum Weiterlesen:
 
Von der Auftakt-Veranstaltung am 23.11.2017: „Milch reist nicht gerne, Milchbauern schon“
 
Die Ausstellung ist eine Reisereportage mit besonderer Zielsetzung, und da schien es naheliegend, dass die Reiseteilnehmer Frau Kerstin Lanje, Referentin für Welthandel und Ernährung von Misereor, und Herrn Christoph Lutze, Landwirt und Mitglied des BDM Schleswig-Holstein, zur Eröffnung von ihrer Reise nach Burkina Faso berichteten. Frau Lanje stellte das kath. Hilfswerks Misereor vor und stieg rasch in das Fachgebiet Milchmarkt ein. An die Zuhörer stellte sie die Frage: „Wie viel Milch trinken Sie so am Tag?“ Einen Liter schaffen die wenigsten, selbst die Milcherzeuger nicht, die überwiegend im Publikum vertreten waren. „Frischmilch oder auch Käse?“ war die Rückfrage. „Nur Frischmilch“, so Frau Lanje, die eine Weltkarte mit dem durchschnittlichen Frischmilchverbrauch präsentierte. Auf dieser war ganz Nordeuropa satt dunkelblau gefärbt für hohen Konsum, während weite Gebiete in Afrika und Asien hell blieben, gleichbedeutend mit sehr geringem Verbrauch.
 
Was richten die Exporte in Westafrika an? Dieser Frage war die Reisegruppe im Mai 2016 in Burkina Faso nachgegangen.
 
„Wir haben konkret nach dem Milchpulver auf den Märkten gesucht und sind schnell fündig geworden, das meiste war von Danone und Nestlé“, berichtete Christoph Lutze. „Da fanden wir Milchpulver und gleich daneben Pestizide und Tierarznei mit englischer Beschriftung, wo doch französisch die Amtssprache ist und im Land 60 weiteren Sprachen gesprochen werden, Sprachen, nicht Dialekte“, wie Herr Lutze betonte. „Außerdem kann nur ein Drittel der etwa 21 Mio. Einwohner lesen und schreiben, es werden aber mehr“. Auch Frischmilch wurde auf dem Markt angeboten, jedoch ungekühlt bei Tagestemperaturen von 30-40°C. Die Reisegruppe besuchte Märkte, Milchbauern und Molkereien im ganzen Land. Misereor unterstützt zusammen mit der burkinischen Organisation pasmep den Aufbau von Minimolkereien, wo Milch pasteurisiert und gekühlt wird für den Verkauf auf umliegenden Märkten. Wenn mit dem Einsetzen der Regenzeit die Futterpflanzen in die Höhe schießen, geben die Kühe viel mehr Milch, die dann zu länger haltbarem Joghurt verarbeitet werden kann. Dies sind Ansätze für eine gute, eigenständige Entwicklung eines heimischen Milchmarktes. Durch das billige Milchpulver aus Europa wird er zerstört. Auch in der Europäischen Vertretung in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou war die Gruppe mit Vertretern von pasmep vorstellig. Die Problemlage wurde beschrieben und ein Papier unterzeichnet. Herr Lutze war nicht wirklich überzeugt, dass die dortigen Mitarbeiter sich für die Situation der kleinen Milchproduzenten im eigenen Land interessieren. Längst hat der BDM selbst Mittel in die Hand genommen für eine Bildungsstätte für Milchverarbeitung und -vermarkt in Burkina Faso zusammen mit den vertraut gewordenen Partnern vor Ort.
 
In der sich anschließende Diskussion kreisten die Fragen um die Verantwortung der Milchbauern und Molkerein in Europa und mögliche Lösungen. „Die genossenschaftlich organisierten Molkereien haben hier in Ostfriesland auch ganz klein angefangen, selbst in Ayenwolde gab es mal eine“, erklärte Ottmar Ilchmann. Inzwischen sind die kleinen weg, viele Molkereien fusionierten, sind große Konzerne geworden, zum global player in der Lebensmittelindustrie, die den Strukturwandel begrüßen. Schließlich ist es leichter mit wenigen Großbetriebsleitern, die Milch produzieren, handelseinig werden, als mit vielen kleinen. Und wenn die Landwirte eine eigenen Molkerei gründen? Herr Habbena beleuchtete darauf den Punkt Ausbildung und machte deutlich: „In der Milchwirtschaft lernen wir alles bis ins kleinste, aber an der Milchkammertür ist Schluss. Weiterverarbeitung und Vermarktung? Fehlanzeige!“

Schreibe einen Kommentar

Hinweis: Kommentare geben nur die persönliche Meinung desjenigen wieder, der sie schrieb. Durch die Bereitstellung der Kommentarfunktion machen sich die Betreiber dieser Website die Kommentare nicht zu eigen und müssen daher nicht derselben Meinung sein.

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht öffentlich angezeigt. Verbindlich einzugebende Felder werden mit diesem Zeichen kenntlich gemacht: *

Weitere Informationen